Beziehungskrise

EINKAUF – Ein Streit zwischen Volkswagen und seinem Zulieferer Prevent eskalierte so weit, dass Fließbänder im August stillstanden. Das Ergebnis war ein Einzelfall, aber schlechte Umgangsformen zwischen Autobauern und Lieferanten sind eher die Regel.

 

Der 23. August 2016. Diesen Tag wird Volkwagen-Konzernchef Matthias Müller so schnell nicht vergessen. Nach einem 19-stündigen Verhandlungsmarathon mit seinen Zu­lieferern Car Trim und ES Automobil­guss, Töchter der Prevent Group, konnte der Autobauer an diesem Tag verkünden: Wir haben uns geeinigt.

Diese Einigung war hart erkämpft. Denn die beiden Zulieferer hatten den weltweit größten Autobauer tagelang nicht mehr mit Sitzbezügen und Ge­triebeteilen beliefert. Die Situation eskalier­te schließlich völlig, sodass bei Volks­wagen etliche Bänder stillstanden. Fast 28.000 Mitarbeiter konnten nicht mehr ihrer gewohnten Tätigkeit nachgehen. Allen voran ruhte die Produktion des Volkswagen-Verkaufsschlagers „Golf” im Stammwerk Wolfsburg.

Politik mischt mit

Dem Bandstillstand war ein langer Streit zwischen den beiden Zulieferern und dem Autokonzern vorausgegangen. Es ging um die Kündigung von Aufträgen. Die genauen Hintergründe drangen aber nicht an die Öffentlichkeit. In den Streit hatte sich sogar die Politik eingemischt. Der arbeitsmarktpolitische Sprecher der CDU/CSU Karl Schiewerling warf dem Autokonzern beispielsweise vor, das sogenannte Kurzarbeitergeld bei seiner Machtprobe mit den beiden Lieferanten für seine Zwecke zu missbrauchen.

Mit der Einigung zwischen den beiden Streithähnen war es nicht getan. Ende August kündigte VW-Konzernchef Müller Konsequenzen für die Einkaufspraxis des Traditionsunternehmens an. ,,Wir wer­den uns genau unsere Einkaufsverträge anschauen und sehen, wie wir das opti­mieren”, sagte Müller im Club Hambur­ger Wirtschaftsjournalisten. Er sah zwar keinen Anlass, für alle möglichen Zulie­fererteile eine Mehr-Quellen-Strategie in Betracht zu ziehen. Man werde sich aber jeden einzelnen Vertrag genau ansehen, so der Konzernlenker.

Während Laien sich wunderten, wie weit ein Streit zwischen einem Autobauer und einem Zulieferer gehen kann, können Experten von vielen Fällen berichten, in denen Bandstillstände in letzter Minute noch abgewendet wer­den konnten. ,,Dass es nun wirklich zu einem Bandstillstand bei einem großen Automobilhersteller kam, war irgend­wann abzusehen”, sagt Harald Klein vom Consultingunternehmen Peter Schreiber & Partner aus Ilsfeld-Auenstein.
Klein, der Zulieferer mit Umsätzen zwischen 100 Millionen und zehn Milli­arden Euro berät, ist der Meinung, dass es nach dem Vorfall Verlierer auf beiden Seiten gibt. Prevent habe sich bei Volks­wagen, aber auch bei anderen Autobau­ern „auf lange Zeit” mit seinem harten Vorgehen disqualifiziert. Die Wolfsburger seien hingegen „ungeschickt” gewesen, „weil sie mit ihren Mitteln der Diplomatie versagt hatten”.

Zulieferer unter Preisdruck

Dass Unternehmen wie Prevent zu dras­tischen Mitteln wie tagelangen Lieferstopps gegenüber ihren Kunden greifen, liegt laut Experten daran, dass Einkäufer der Auto­hersteller diverse Methoden entwickelt haben, wie sie ihre Lieferanten in puncto Preise drücken. Das war nicht immer so. In den 80er-Jahren habe man sich in der Regel noch als „Partner” gesehen, berich­tet Berater Klein. Spätestens seit den 90ern und dem von GM zu Volkswagen geholten Manager Jose Ignacio L6pez de Arriortua sei das vorbei und eine „Verrohung der Sitten” habe eingesetzt.
Im Nutzfahrzeugbereich sei die Situa­tion bis vor einigen Jahren nicht ganz so extrem gewesen, schränkt Klein ein. ,,Seit aber MAN und Scania Teil des Volkswa­gen-Konzerns sind, weht auch hier ein kälterer Wind”, erläutert der Automo­tive-Experte. Nicht alle Fahrzeugherstel­ler agieren gleich. Japanische Hersteller gelten als partnerschaftlicher orientiert als etwa amerikanische oder europäische Autobauer (siehe Nachgefragt S. 30). Das zeigt unter anderem die „Annual North American Automotive – Tier 1 Supplier Working Relations Index Study-2″.

Ob Autobauer oder Nutzfahrzeugher­steller: Dass die Firmen oft nicht nach den Regeln des ehrbaren Kaufmanns agieren, hat mehrere Gründe. Zum einen haben sich die Unternehmen ehrgeizige Effizienz- und Sparprogramme auferlegt, die das Management oft schnell umset­zen will. Die Summen sind enorm. Der ehemalige Volkswagenchef Martin Win­terkorn kündigte vor einigen Jahren an, bei der Hausmarke VW bis 2017 bis zu fünf Milliarden Euro einsparen zu wol­len. Auch BMW, einst als relativ mode­rat im Umgang mit Lieferanten bekannt, zog ein 2007 im Vorstand beschlossenes Sparprogramm konsequent durch. Geld sparen kann man relativ einfach bei Lie­feranten. Das ist vor allem der Tatsache geschuldet, dass die Wertschöpfungstiefe eines Autoherstellers heute nur noch bei 20 bis 30 Prozent liegt. 

 

Mehr dazu hier https://haraldklein.de/preisverhandlung/ 

 

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